Quelle: privat
50 Jahre nach dem Gewinn der Goldmedaille in der 4x100m-Staffel bei den Europameisterschaften in Helsinki trafen sich 2021 in Mainz Ingrid Mickler-Becker, Annegret Richter, Inge Helten und Elfgard Schittenhelm (von links nach rechts).
In den 1970er Jahren war der Medaillen-Hunger der Dortmunder Sprinterinnen kaum zu stillen. Wenn sie von Olympischen Spielen, Europameisterschaften oder Deutschen Meisterschaften heimkehrten, hatten sie immer viel Edelmetall in ihrem Reisegepäck. Diese glorreiche Dekade prägten vor allem Doppel-Olympiasiegerin Annegret Richter und ihre Teamkollegin Inge Helten, die an Silvester ihren 75. Geburtstag feierte.
Die frühere Weltklasse-Sprinterin, die 1974 von der DJK Andernach zum damaligen OSC Dortmund wechselte, würde mit ihrer 100-Meter-Bestzeit von 11,04 Sekunden heute immer noch zur absoluten Spitze im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zählen. In diesem Jahr war sie im indirekten Vergleich sogar noch eine Hundertstelsekunde schneller als die diesjährige DLV-Ranglisten- Erste Gina Lückenkemper (SCC Berlin).Inge Helten, die immer selbstbewusst war, suchte aber nie das grelle Rampenlicht. Auch heute spricht sie nur über ihre erfolgreiche Karriere, wenn man sie darum bittet. Die Geburtstagsjubilarin hatte ihr erfolgreichstes Jahr 1976, als sie am 13. Juni beim Internationalen Sportfest in Fürth-Dambach mit ihren 11,04 Sekunden den früheren 100-Meter-Weltrekord von Renate Stecher um drei Hundertstelsekunden verbesserte.
Weltrekord über 100 Meter
Über diesen Weltrekord konnte sich die Sprinterin allerdings nur fünf Wochen freuen. Bereits bei den Olympischen Spielen in Montreal löste ihre Teamkollegin Annegret Richter, die im 100-Meter-Halbfinale 11,01 Sekunden erzielte, sie in der Ehrentafel der Superlative ab. Der Weltrekord war für Inge Helten eine große psychische Belastung in Montreal, denn dadurch befand sie sich zwangsläufig in einer Favoritenposition. Trotz dieser schweren Bürde erkämpfte sie sich in einem dramatischen Finale, das von drei Fehlstarts geprägt war, hinter Annegret Richter (11,08 Sek.) und Renate Stecher (11,13 Sek.) in 11,17 Sekunden die Bronzemedaille. In der 4x100-Meter-Staffel konnte sie sich zusammen mit Annegret Richter, Elvira Possekel und Annegret Kroniger in 42,59 Sekunden noch über Silber freuen.Inge Helten hatte sich schon einige Jahre zuvor als exzellente und zuverlässige Staffelläuferin ausgezeichnet. So gewann sie bei den Europameisterschaften 1971 in Helsinki über 4x100 Meter zusammen mit Ingrid Mickler-Becker, Annegret Richter und Elfgard Schittenhelm in der damaligen Europarekord-Zeit von 43,23 Sekunden vor der DDR (43,62 Sek.) die Goldmedaille. Helten war damals erst 20 Jahre alt.
1971 EM-Titel in Helsinki
Ein Jahr später musste die damals aufstrebende junge Sprinterin einen herben Rückschlag einstecken: Nach dem EM-Titel in Helsinki 1971 war ihr der Platz in der DLV-Staffel bei den Olympischen Spielen in München eigentlich sicher, doch eine Fußverletzung stoppte ihre Medaillenhoffnungen. Sonst hätte sie wie ihre Teamkollegin Annegret Richter in der 4x100-Meter-Staffel wahrscheinlich auch Staffel-Gold gewonnen.Um vier Jahre später in Montreal nochmals angreifen zu können, zog die frühere Sprinterin der DJK Andernach 1974 nach Dortmund. Dort konnte sie mit ihrer Teamkollegin Annegret Richter täglich trainieren. Zudem lockten die hervorragenden Trainingsanlagen in der Westfalen-Metropole. Davon profitierte sie bereits im selben Jahr, als sie bei den Europameisterschaften in Rom in der 4x100- Meter-Staffel zusammen mit Elfgard Schittenhelm, Annegret Kroniger und ihrer Vereinskollegin Annegret Richter in der damaligen deutschen Rekordzeit von 42,75 Sekunden Silber gewann.
Auch heute noch täglich in Bewegung
Wegen ständiger Fuß- und Kniebeschwerden beendete Inge Helten, die auch über 200 Meter mit 22,68 Sekunden zur Weltklasse zählte, bereits kurz nach den Olympischen Spielen in Montreal ihre Laufbahn. „Mir hat der Sport neben den Titeln und Medaillen unwahrscheinlich viel gegeben, denn ich habe durch ihn viele interessante Menschen kennengelernt, die ich sonst nicht getroffen hätte“, erklärt Helten, die weiter enge Kontakte zu ihrer früheren Teamkollegin Annegret Richter pflegt.Ihr Ehrentag bildet für die Geburtstagsjubilarin Anlass, auf ihr erfolgreiche Karriere zurückzublicken. Noch heute steht die frühere Kaufmännische Angestellte vor einem Rätsel. „Ich weiß nicht, wie ich das früher alles geschafft habe, denn im Gegensatz zu den heutigen Spitzenathletinnen und -athleten war ich damals noch voll berufstätig.“
Ihr größter Wunsch zum Geburtstag ist Gesundheit – und dafür tut sie täglich etwas. Zwei Stunden ist sie täglich mit ihrer Rhodesian-Ridgeback-Hündin in der Dortmunder Bittermark unterwegs – bei jedem Wetter. „Das hält mich fit und stärkt die Abwehrkräfte. Eine Grippeschutzimpfung brauche ich nicht – die hole ich mir im Wald“, sagt sie schmunzelnd. Die Begegnungen mit anderen Hundebesitzerinnen und -besitzern schätzt sie ebenso wie die Bewegung, die sie im Gegensatz zu einem Fitness-Studio im Wald zum Nulltarif erhält.
[Peter Middel]
