Manfred Poerschke (Zweiter von rechts) gewann bei den Europameisterschaften 1958 in Stockholm mit der 4x400-Meter-Staffel des DLV die Silbermedaille.
Die westfälische Leichtathletik-Familie trauert um Dr. Manfred Poerschke, der in der vergangenen Woche im Alter von 92 Jahren unerwartet verstarb. Der frühere Weltklasse-Viertelmeiler des OSV Hörde war bis zuletzt motiviert, sein Leben aktiv zu gestalten. Dazu gehörten sowohl die jährlichen Kurzurlaube mit seiner Tochter Ulrike als auch die gemeinsame Zeit mit seinem Enkel. Geistig und körperlich fit hielt sich er auch mit regelmäßigen Skat-Nachmittagen, Lesen und klassischer Musik. „Sein Kampfgeist begleitete ihn sowohl im Sport als auch privat – bis zum Schluss", betont seine Tochter Ulrike Poerschke.
Obwohl Manfred Poerschkes sportliche Glanztaten schon mehr als 60 Jahre zurückliegen, würde er wahrscheinlich mit seinem früheren Leistungspotential heute immer noch mit der deutschen Spitzenklasse Schritt halten können. Schließlich kann man von den Zeiten, die er damals auf Aschenbahnen erzielte, über 400 Meter eine Sekunde abziehen. Auch die früheren Spikes mit den langen Dornen kann man mit den heutigen High-Tech-Produkten nur noch bedingt vergleichen. Trotzdem brachte es Manfred Poerschke während seiner erfolgreichen Laufbahn auf Bestzeiten von 10,7 Sekunden über 100 Meter, 21,4 Sekunden über 200 Meter, 47,0 Sekunden über 400 Meter und 1:52,2 Minuten über 800 Meter.
Olympiasieger in einem mitreißenden Rennen geschlagen
Aufgrund seiner Veranlagung wäre der blonde Dortmunder wahrscheinlich der gemachte Mann für die 800 Meter gewesen. Diese Meinung vertrat Trainer-Legende Bert Sumser, der von 1956 bis 1962 im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) die Mittelstreckler betreute. „Ich wäre beinahe auf Bert Sumsers Ratschlag eingegangen, doch als ich ihn um einen Trainingsplan für die 800-Meter-Distanz bat, traute ich meinen Augen nicht, denn ich hätte nach seinem Konzept kaum noch einen Ruhetag gehabt. Das war mir viel zu viel, sodass ich bei den 400 Metern blieb. Schließlich habe ich zu meiner besten Zeit nur zweimal in der Woche trainiert“, bemerkte der frühere Läufer des OSV Hörde, der aufgrund seines geringen Trainingsaufwandes sein wahres Leistungspotential wahrscheinlich nicht ausgeschöpft hat.Dennoch trauerte er nie seinen verpassten Chancen nach und zeigte sich immer rundum zufrieden. Neben dem 4x400-Meter-Weltrekord für Vereinsstaffeln feierte der Dortmunder, der der Westfalenmetropole trotz attraktiver Angebote anderer Vereine immer treu geblieben ist, seinen größten Erfolg, als er am 30. Juni 1957 in Berlin auf der Stadionrunde in einem mitreißenden Rennen in 47,5 Sekunden den 400-Meter-Olympiasieger von Melbourne, Charles Jenkins, schlug.

Manfred Poerschke und Charles Jenkins [Foto: privat].
Wenn Manfred Poerschke, der dreimal in Folge beim Berliner ISTAF den 400-Meter-Lauf gewann, von diesem Überraschungssieg berichtete, glänzten immer noch seine Augen. Dabei können sich auch seine anderen Erfolge sehen lassen. So belegte der 21-fache Länderkampf-Teilnehmer mit der deutschen 4x400-Meter-Staffel bei den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne den vierten Platz.
EM-Silber in Stockholm
Internationales Edelmetall holte er sich bei den Europameisterschaften 1958 in Stockholm, als er zusammen mit Carl Kaufmann, Karl-Friedrich Haas und Johannes Kaiser über 4x400 Meter auf den Silber-Rang kam. Der frühere deutsche Juniorenmeister (1955) ist stolz darauf, ein „Eigengewächs“ des damaligen OSV Hörde gewesen zu sein. Dieser Dortmunder Vorort-Verein zählte in den 1950er und 1960er Jahren zu den erfolgreichsten deutschen Leichtathletik-Vereinen. 1961 bestritt Manfred Poerschke seinen letzten Länderkampf. Dennoch verlor er anschließend nicht den Kontakt zur Leichtathletik, denn er engagierte sich 18 Jahre lang als Trainer für den OSV Hörde und für den Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW).
Den Ehrgeiz, den er auf der Laufbahn demonstrierte, bewies er später auch im Berufsleben. Als „Spätberufener“ studierte er zunächst an der Pädagogischen Hochschule Dortmund. Anschließend promovierte er im Fach Erziehungswissenschaften. In seinen letzten 20 Berufsjahren war Manfred Poerschke Leiter einer Motopädie-Fachschule.
[Peter Middel]

